Sind die Greifvögel der Untergang der Singvogelbestände??!

Habicht mit Beute (Daniel Schmidt)
Habicht mit Beute (Daniel Schmidt)

Anfang Januar fand deutschlandweit die siebte „Stunde der Wintervögel“ statt. Dabei handelt es sich um eine öffentliche Vogelzählaktion im heimischen Garten, bei der eine Stunde lang alle anwesenden Vögel gezählt und anschließend die erfassten Daten dem NABU gemeldet werden. Seit den veröffentlichten Ergebnissen der „Stunde der Wintervögel“ gab es eine Menge Reaktionen darauf. Denn die Zahlen zeigten deutliche Bestandseinbrüche bei den meisten im Winter anwesenden Vogelarten. Über diese beunruhigenden Ergebnisse wurde sogar in den Nachrichten im Radio und Fernsehen berichtet.

 

Distelfinken (Michael Schmitz)
Distelfinken (Michael Schmitz)

Sorgen und Bedenken diesbezüglich wurden auch an den NABU Oberberg herangetragen. Die Erklärungen der Ornithologen, dass die geringen Anzahlen der Vögel in den Gärten und speziell „am Futterhaus“ an den schlechten Brutergebnissen des nassen Frühjahrs, der letztjährig sehr guten Nahrungsverfügbarkeit im Wald (Mastjahr) oder an Vogelzugdifferenzen aus Osteuropa liegen könnte, wurde oft abgetan. Schuld seien die Katzen. Schuld seien die Krähen und Elstern. Schuld seien die Greifvögel. Und die Naturschutzverbände würden diese Sachverhalte herunterspielen oder verschweigen, zwecks politischer Handlungsmotive. Dem ist nicht so. Natürlich stehen Singvögel bei diesen vermeintlichen „Schuldigen“ weit oben auf der Speisekarte, aber solch einen Rückgang der Bestände über sehr viele Vogelarten hinweg, lässt sich so nicht erklären. Aber wir beleuchten die „Schuldigen“ im Einzelnen.

 

In Deutschland leben schätzungsweise 13 Millionen Hauskatzen. Viele Millionen davon sind Freigänger und werden ebenfalls viele Millionen Kleintiere erbeuten, darunter natürlich Millionen Singvögel. Katzen leben schon seit tausenden von Jahren in Menschennähe, auch heute sind sie vor allem in Ortschaften und Siedlungsstrukturen anzutreffen. Dort müssten theoretisch die Vögel sehr stark dezimiert sein. Aber das sind sie nicht. Der Hausrotschwanz, die Amsel und der Haus- und Feldsperling sind typische Siedlungsvögel, die ihre Nahrung bevorzugt oder ausschließlich am Boden suchen. Sie müssten leichte Beute sein für die flinken Katzen. Aber die Bestände der genannten Vogelarten wachsen stetig an, trotz des vermeintlich starken Prädationsdrucks. Vom Aussterben bedroht sind dagegen die Offenlandarten wie z.B. Feldlerche und Baumpiper, wobei Katzen dort sicherlich keine Schuld trifft.

Blaumeise (Reiner Jacobs)
Blaumeise (Reiner Jacobs)

Die nächsten „Schuldigen“ sollen die Rabenvögel, wie Rabenkrähe und Elster, sein. Sie würden die Nester ausrauben und die anderen Vögel mit ihrer Anwesenheit verscheuchen. Es mag sein, dass sie auch mal Singvogelnester plündern, genau wie es das allseits beliebte Eichhörnchen gerne macht. Und verständlich ist auch, dass kleinere Vögel den größeren Rabenvögeln an Futterstellen kurzzeitig Platz machen, bevor man deshalb im Winter wegen eines Streits die kostbaren Energiereserven verschwendet. Aber die Ergebnisse der „Stunde der Wintervögel 2017“ zeigen, dass auch die Rabenvögel mit Bestandseinbrüchen zu kämpfen haben. Auch Eichelhäher, Elster und die Rabenkrähe zählen zu den Verlierern der Zählaktion. Sie sind genauso betroffen wie die vermeintlich hilfloseren, schützenswerteren kleinen Singvögel.

 Die schlimmsten Feinde der Singvögel sollen allerdings „die Greifvögel“ sein. Grundsätzlich ist diese Aussage nicht falsch, da sich Sperber und Habicht tatsächlich hauptsächlich von Kleinvögeln ernähren. Per se werden allerdings alle Greifvögel an den Pranger gestellt und für die heutzutage „leeren Landschaften“ ohne Rebhuhn, Hase und Kaninchen verantwortlich gemacht, die es vor 30 Jahren noch gegeben haben soll. Dass sich die Landwirtschaft hinsichtlich Technik, Platzanspruch und Bedarf aber grundlegend verändert hat, wird übersehen und an dem romantisch verklärten Bild weiterhin festgehalten. Greifvögel sollen angeblich auch keine natürlichen Feinde haben, was so natürlich nicht stimmt. Fuchs, Dachs, Wildschweine, Wiesel, Ratten, Marder, Eichhörnchen und in manchen Gegenden Marderhund und Waschbär sind hier zu nennen. Diese Feinde der (Greif-)Vögel zerstören und plündern vor allem Gelege und fressen die Jungvögel. Zudem kämpfen die Vögel ungesehen zum Beispiel mit Krankheiten und Parasiten mit daraus resultierenden Infektionen. Neben den vielen mehr oder weniger „natürlichen“ Feinden der Greifvögel, gibt es unzählige „unnatürliche“ Gefahrenquellen: Stromleitungen, Windkraftanlagen (ja, auch der NABU weiß, dass Windräder Vögel töten können), bleihaltige Schrotmunition, Belastung der Beute durch Pestizide, illegaler (Greif-) Vogelfang, Störungen während der Brutzeit, Vogelschlag an Glasscheiben und im Straßenverkehr; um nur einige zu nennen. Auch bei den Greifvögeln besteht immer eine Räuber-Beute-Beziehung. Das heißt, wenn es den Singvögeln tatsächlich schlechter gehen sollte, wird sich dies langfristig auch auf die Greifvogelpopulationen auswirken. Es wird auch behauptet, durch den Mangel an Singvögeln durch die überbordende Prädation der Greifvögel, soll es zu einem enormen Anstieg der Schadinsekten in der Landwirtschaft kommen. Das wäre eher andersherum zu betrachten, da es in den letzten Jahrzehnten einen allgemeinen extremen Insektenrückgang durch Insektizid Einsatz in der intensiven Landwirtschaft zu beklagen gibt. Dies raubt den Singvögeln die Nahrungsgrundlage sowohl für die Fütterung der Jungvögel als auch für die adulten insektenfressenden Vögel. Wenn sie heute mit dem Auto über die Autobahn fahren, werden sie wahrscheinlich eher tote Greifvögel am Straßenrand liegen sehen, als dass ihre Windschutzscheibe mit Insektenleichen beklebt ist, wie es nun mal vor 30 Jahren noch war.

Amselhahn (Reiner Jacobs)
Amselhahn (Reiner Jacobs)

Jeder, der auch nur einen einzigen Nistkasten an einer sonnigen Stelle auf seinem Grundstück aufhängt, hat tausendfach mehr für die Singvögel getan, als derjenige, der auf Sperber, Elstern und Katzen schimpft. Wer dann noch einen Blick auf die wirklich gefährdeten Kleinvögel nimmt, etwa die Feldlerche, den Baumpieper, den Star oder den Hänfling, wird schnell die tatsächlichen Ursachen erkennen für die Verarmung unserer Vogelwelt in den letzten 30 Jahren. Wo kann man heute noch Feldlerchen singen hören? Wir rechnen heute mit nur etwa 20 Brutpaaren im ganzen Oberbergischen Kreis. Vor 50 Jahren waren es Tausende. Dafür wird man weder Greifvögel, noch Krähen, noch Marder verantwortlich machen können, sondern nur die heutige Nutzung der Landschaft.

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